Am Ende gab es stehende Ovationen: Fast eineinhalb Stunden lang begeisterte der Handglockenchor aus dem polischen Zelow die Besucher in der Stadtkirche. Von modernen Songs aus dem Pop-Bereich über Gospelklassiker bis hin zu klassischen, speziell für Glockenchöre komponierte Suiten reichte das Programm, das die ganze Klangvielfalt der Handglocken demonstrierte. Denn – und das hörte mancher Besucher zum ersten Mal – eine Glocke kann nicht nur »bimmeln«...
Sie kann beispielsweise kurz und trockenen klingen, wenn der Spieler den Daumen auf den Glockenkörper legt, sie kann einfach oder doppelt anschlagen, oder sie kann laut oder schwingend »wabern«, wenn sie nach dem Anschlagen kurz auf die weiche Unterlage gedrückt wird, und der ganze Chor kann dynamisch vom Piano bis ins Forte spielen.
Die Faszination bei Handglockenchören ist neben dem besonderen Klangerlebnis die Art, wie die Musik entsteht: Jeder Spieler ist nicht für alle Töne verantwortlich, sondern nur für die zwei bis fünf Glocken, für die er eingeteilt ist. Er läutet nur, wen einer seiner Töne »dran« ist. Pure Teamarbeit also, die äußerste Disziplin verlangt. Vor allem, wenn es in Stücken rhythmisch differenziert zugeht, mit Dreivierteltakten, die dem Vierviertelpuls überlagen, mit Triolen, Duolen und Synkopen.
Trotz der mehr als zwölfstündigen Busfahrt vom zentral in Polen gelegenen, mit minus 25 Grad durchgekühlten Zelow über teils verschneite Autobahnen gelang den jungen Chormitgliedern unter der Leitung von Ewa M. Jelinek eine perfekte Darbietung; schon anch dem ersten Stück hatten sie die Herzen des Publikums gewonnen.
Zustande gekommen war der Kontakt nach einem Besuch eines des Kirchältesten an der Stadtkirche, Markus Kirschenkern, in Zelow. In der polnischen Stadt gibt es ein kleine, aber gleichzeitig die größte reformierte Gemeinde im überwiegend katholisch geprägten Polen. Der Kirchenvorstand der Salzufler Stadtkirchengemeinde hatte schon seit längerem überlegt, ob es nicht an der Zeit sei, Beziehungen zu einer reformierten Gemeinde in Polen zu knüpfen. Schließlich ist die Lippische Landeskirche Partnerkirche der evangelisch-reformierte Kirche in Polen, und der Zelower Pfarrer Roman Lipinski (der jetzt auch die Handglocken-Reisegruppe betreute) war im Rahmen von Treffen auf Landeskirchlicher Ebene bereits mehrfach in Lippe.
Bei seinem Besuch in Zelow erfuhr der aus Polen stammende Kirschenkern von einer Reise, die der Handglockenchor im Februar in die Niederlande unternehmen wollte. Und so konnte es schließlich eingerichtet werden, dass der Chor auf dem Weg nach Amsterdam in Bad Salzuflen Station macht. Und zwar nicht nur musikalisch: Nach dem Konzert wurden die Mitglieder der Reisegruppe von Gemeindemitgliedern für die Nacht untergebracht, so dass die Zelower am Samstagmorgen entspannt und ausgeruht Richtung Niederlande starten konnten.
Ob sich die Beziehungen weiter vertiefen lassen, wird sich zeigen. Möglicherweise ergeben sich auf musikalischer Ebene ja schnell erste Besuche und Gegenbesuche. Dran wäre es allemal, sagte Pfarrerin Wiltrud Holzmüller in ihrer Begrüßung vor Konzertbeginn: »Nach der schwierigen Zeit zwischen Deutschen und Polen tut es sicher gut, wenn sich die Menschen näher kennenlernen.«
Internetseite der evangelisch-reformierten Gemeinde Zelow
Internetseite des Handglockenchors Zelow
Klangbeispiel aus einem Konzert in der Zelower Kirche mit »Give thanks« (Quelle: Youtube):
